DER VORHANG

Eine der großen Paradoxen der christlichen Kunst liegt in der Sichtbarmachung des Unsichtbaren, nämlich die Sichtbarmachug Gottes.

Gott kann man nicht abbilden, darum wurden Bilder ursprünglich aus dem christlichen Kult verbannt, und auch spätere ikonoklastische Bewegungen argumentierten ähnlich. Um dennoch das Bedürfnis nach Bildern befriedigen zu können, griff man schon in der späten Antike und im frühen Mittelalter auf sogenannte acheiropoieta (acheiropoieton = nicht vom Menschenhand gemachtes Bild) zurück. Das wohl berühmteste ist das Schweißtuch der Veronika – ein Bild, das sich auf wunderbarer Weise auf dem Leinentuch der Frau namens Veronika bildete, als sie Jesus auf dessen Passionsweg ihr Leinentuch reichte, damit er sein Gesicht darin abtupfen kann. Der Entstehungsprozess – Jesus selbst drückte sein Abbild auf den Bildträger, das Leinentuch – rechtfertigte die Erstellung von Bildwerken in der Folge.

Dem Tuch, der Textilie kommt jedoch nicht nur in der Legende der Veronika eine wichtige Rolle zu. Der Schleier, der Vorhang ist das Methapher des Göttlichen schlechthin. Jesus, das Inkarnat, ist der Vorhang, der für uns Gott repräsentiert. Deswegen wurden im Mittelalter unter anderem Vorhänge auch für die Inszenierung – Verhüllung und Enthüllung – von Altarretabeln eingesetzt. Und als Jesus gekreuzigt wurde, riss der Vorhang des Tempels.

Dieses biblische Bild diente als Ausgangspunkt für eine der Arbeiten, die ich im Rahmen meines Projektes angefertigt habe. Anbei zwei Ausschnitte aus dem Prozess. Auf dem linken Foto ist das Bildmotiv auf Holz gemalt. Später kam ich auf den Gedanken, das Thema des Reißens des Vorhangs mit dem Bildmotiv der Kreuzigung direkt zu verknüpfen. Es schien mir logisch, das Bildmotiv auf Textilie (wie ein Vorhang) zu malen. Vom Ergebnis sieht man ein Detail auf dem rechten Foto.

Das Thema der Textilien im kirchlichen Kontext ist sehr komplex. Auch deswegen fand ich es reizend, im Projekt mit der Textilie zu arbeiten.

Für mich als Malerin ist Textilie als Bildgrund – das Leinengewebe – alltägliches Arbeitsmaterial. Normalerweise bleibt sie unsichtbar: Sie dient lediglich dazu, die Farbe zu tragen. Wenn ich jedoch an die Leinwand als Textilie, als Stoff denke, ist der Schritt nicht sehr groß, auch andere Sorten von Textilien zu bemalen. Andererseits ist die Textilie in der christlichen Kunst seit dem Mittelalter ein häufiges Bildmotiv. Auch das gehört im Projekt zum Repertoire meiner Zitate. Wenn ich ein Tuch auf Leinwand male, gibt es eine Verdopplung: Die Textilie als Motiv wird auf Textilie als Material gemalt. Diesen Umstand kann ich fruchtbar machen, indem ich die Farbe lasierend auftrage. Dadurch bleibt die Struktur des Leinenstoffes sichtbar und die genannte Verdopplung wird vor Augen geführt: Die Gewebestruktur des Bildträgers wird eins mit dem des gemalten Stoffes.

Weiterführende Literatur

Holger Broeker, Markus Brüderlin, Hartmut Böhme, Magdalena Abakanowicz (Hrsg.) Kunst und Textil. Stoff als Material und Idee in der Moderne von Klimt bis heute. Kunstmuseum Wolfsburg, Hatje Cantz Verlag, 2013

Stefanie Seeberg, Textile Bildwerke im Kirchenraum: Leinenstickereien im Kontext mittelalterlicher Raumausstattungen aus dem Prämonstratenserinnen-kloster Altenberg/Lahn. Michael Imhof Verlag, 2014

Claudia Blümle, Beat Wismer (Hrsg.) Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance – von Tizian bis Christo. Kunstpalast Düsseldorf, Hirmer Verlag, 2016

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