DAS VERMISSTE BILD UND DIE FARBE DES WISSENS

Ist dem Leser/der Leserin schon mal aufgefallen, dass die Rücken der Bücher in ihrer Farbigkeit auf den Inhalt des jeweiligen Bandes verweisen? Naturwissenschaftliche Literatur, die sich den Meeren und deren Lebewesen widmet, steht zum Beispiel ganz im Zeichen des Blaus.

Die Bibliothek eines Kunstliebhabers sieht ganz anders aus. Die Künstlerkataloge und  Bilderbände sind natürlich sehr unterschiedlich in ihrer Fabigkeit. Es gibt jedoch eine Region in meiner bescheidenen Sammlung, die eine recht einheitliche Farbpalette aufweist. Die Rücken so wie die Cover der Einbände in diesem Regal sind Schwarz mit einem weißen Schriftzug, oder sie sind Weiß mit schwarzen Buchstaben. Häufig taucht die Farbe Rot auf, entweder als Schriftfarbe auf weißem Grund, oder als Cover-Grundton hinter weißer Schrift.

Es handelt sich hierbei um Bücher bis 26 cm Rückenlänge. Größere Bücher passen nicht hinein, oder ich müsste sie quer legen, was ich ungerne tue. Neben der Größe gibt es andere Kriterien, die ein Buch berechtigen, in dieses Regal einsortiert zu werden – wer würde schon darauf kommen: inhaltliche.

Das Inhaltliche ist aber eher locker gefasst. Es geht grundsätzlich um Kunstgeschichte. Der Ursprung der Bücher ist indes sehr unterschiedlich. Alles, was sich in den Jahren zusammengesammelt hat. Hans Jantzens Kunst der Gothik beispielsweise habe ich lange gejagt, bis schließlich meine Mutter sie in einer Antiquariat bekommen und mir geschenkt hat. Ungarische Forscher urtümlicher Gesellschaften [meine Übersetzung] habe ich nie gelesen und es hat mich auch nie gereizt, es auch nur aufzuschlagen, doch der Eintrag (mein Name, im Bezirks-Zeichnungswettbewerb den 1. Platz erreicht) gewährt diesem Band den Ehrenplatz in diesem Regal. Es gibt hier auch Biografien, etwa des Albrecht Dürers, Rembrandt van Rijns oder des Francis Bacons. Einheit schafft in dieser Heterogenität wie gesagt die Größe der Einbände sowie die Farbigkeit ihrer Rücken.

Zwei habe ich nun ausgesucht. Western Society and the Church in the Middle Ages  von Richard W. Southern sowie Die Byzantinische Welt von Joan M. Hussey. Auf die beiden kam ich durch einen fundamentalen Punkt meines gesamten Anliegens. Mir läßt die Frage derzeit kaum Ruhe, wie die Physiognomie des Jesus-Antlitzes, das im Mittelalter so hartnäckig kopiert wurde und das wir heute als Jesus kennen und erkennen, entstanden ist. Ist das Antlitz Jesu, das auf den Vera-Ikonen dargestellt ist, wirklich authentisch? (Es gibt weniger wichtige, verwandte Fragen. Warum wurde Jesus mal mit, mal ohne Bart dargestellt, manchmal sogar im selben Gebetsbuch?*)

Ich brauche nicht zu sagen, dass ich auf meine Frage keine Antwort erwarte. Die Vera-Ikon (das wahre Bild), die als Abdruck des Antlitzes Christi vielfach kopiert wurde, ist möglicherweise beim Sacco di Roma 1527 aus dem St. Petersdom verschollen. (Möglicherweise aber auch nicht. Zu sehen bekommt man sie so oder so nicht.) Die Version der Physiognomie des bartigen, langhaarigen Jesus mit der langen, geraden Nase und den schmalen Lippen war allerdings bereits längst etabliert, als die Reproduktion der Veronika im Spätmittelalter in die Gänge gekommen ist. Auch ist in den ersten Berichten über den Sudarium (das Schweißtuch der Veronika) aus dem 11. Jahrhundert von einem Bild gar nicht die Rede. Der Lentulus-Brief, das vermeintliche Augenzeugenbericht von Jesu Antlitz, wurde wiederum ausgerechnet von den Veronika-Bildern inspiriert und er wird vom 13. oder 14. Jahrhundert datiert. Der Mandylion von Edessa, ebenfalls ein Acheiropoieton (ein Bild, das nicht von Menschenhand gemacht wurde), existiert gleich in drei Originalfassungen in Paris, Genova und Rom, alle erst seit dem 13./14. Jahrhundert bekannt. Auch das Turiner Grabtuch ist möglicherweise ein fake aus dem selben Zeitraum, zumindest wenn man der wissenschaftlichen Datierung des Textilgewebes Glauben schenken möchte.

Die Reliqien, die mit Jesus einen direkten Körperkontakt hatten und die seine Gesichtszüge auf misteriöser Weise aufgenommen und aufbewahrt haben, helfen also in dieser Hinsicht nicht weiter. Wie sieht es aus mit den anderen Urbildern?

Die älteste bildliche Fassung des Salvators ist das Acheiropoieton aus dem Lateran in Rom. Leider ist das Bild verschwunden, geblieben ist lediglich das Holz, das das Bild ursprünglich trug**.

Dennoch kann man davon ausgehen, dass im Mittelalter jeder Christ sich dessen sicher war, das wahre Antlitz Jesu zu kennen. Die östlich-christliche Kirche war darauf bedacht, das Bild ikonografisch zu fixieren, und dieses Bild verbreitete sich auch im Westen. In der westlichen Kunst etablierte sich später jedoch die Praxis, das Jesusbild ständig zu aktualisieren, dem jeweiligen Schönheitsideal anzupassen. Die Version, die uns heutzutage geläufig ist und auch in Film und Popkultur kultiviert wird, stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Damit ist diese Geschichte zu Ende erzählt – das verlorene Bild wahrt sein Geheimnis. Doch die eigentlich interessante Frage ist weniger, wie Jesus in Wahrheit ausgesehen hat. Spannend ist viel mehr die Geschichte des Jesusbildes selbst, also wie das Bild Jesu in der Geschichte des Bildes entstanden ist bzw. sich entwickelt hat. An diesem Punkt sei lediglich auf weiterführende Literatur hingewiesen: Teil I. in Gerhard Wolf, Schleier und Spiegel – Traditionen des Christusbildes und die Bildkonzepte der Renaissance. Wilhelm Fink Verlag, 2002 sowie Hans Belting, Das echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen. Verlag C.H. Beck, 2005.

*sog. Sakramentar von Metz, fol. 5r vs. 6r. Veröffentlicht in: Tobias Frese, Die Maiestas Domini als Bild eucharistischer Gegenwart, figs. 7, 9. In: Martin Büchsel, Rebecca Müller (Hrsg.) Intellektualisierung und Mystifizierung mittelalterlicher Kunst. Neue Frankfurter Forschungen zur Kunst, Bd. 10, Gebr. Mann Verlag Berlin, 2010.

** Serena Romano, Rom und die Ikonen. In: Martin Büchsel, Rebecca Müller (Hrsg.) Intellektualisierung und Mystifizierung mittelalterlicher Kunst. Neue Frankfurter Forschungen zur Kunst, Bd. 10, Gebr. Mann Verlag Berlin, 2010.

Weiterführende Literatur:

The Image of Christ. National Gallery, London. Yale University Press, 2000.

Ansichten Christi. Christusbilder von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Roland Krischel, Giovanni Morello, Tobias Nagel (Hrsg.) DuMont Verlag, 2005

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